Tottenham – Chelsea: Doppeltes Derby an der White Hart Lane

September 27, 2013 0 Von admin

Schon allein weil in der englischen Hauptstadt gefühlt an jedem zweiten Wochenende ein „heißes“ Derby steigt, kommt der FC Chelsea in diesem Blog in aller Regel viel zu kurz: Im Vergleich zu dem enormen Prestige des North London Derbys zwischen den Spurs und dem FC Arsenal, scheint es bei den Stadtduellen der Blues dann eben regelmäßig doch nur um gewöhnliche Punkte zu gehen. Immerhin spricht es Bände, dass der Klub eigens seine Fans befragen musste, um sich über die Derby-Befindlichkeiten seiner Anhänger zu informieren – am Samstag sorgen neben dem aktuellen Tabellenstand jedoch vor allem die jeweiligen Trainer dafür, dass nun auch einmal das Duell Tottenham vs. Chelsea eine besondere Würdigung verdient.

Portugiesisches „Derby“ auf der Trainerbank

Während die beiden Teams zum Auftakt des 6. Spieltages um den vorübergehenden Sprung an die Tabellenspitze kicken, bekommt der vierte Offizielle an der Seitenlinie ein portugiesisches Trainerduell zu sehen. Da die Fußball-Welt spätestens im Zuge der Globalisierung zu einem Dorf geworden ist, könnten Tottenham-Coach André Villas-Boas und Chelsea-Guru Jose Mourinho im Umfeld des Londoner Derbys nach Herzenslust in Erinnerungen schwelgen. Dass es dazu aber wirklich kommt, dürfte so gut wie ausgeschlossen sein: Seit sich Villas-Boas nach den gemeinsamen Tagen in Porto und bei Inter Mailand von seinem langjährigen Ziehvater emanzipierte, wäre es geradezu ein Euphemismus, das Verhältnis der Beiden als „unterkühlt“ zu bezeichnen.

Angesichts des bisweilen etwas eigenwilligen Auftretens von Mourinho hätte es jedoch auch überraschen müssen, wäre der Lehrer-Schüler-Beziehung eine tief verwurzelte Freundschaft entwachsen: Immerhin lebt „the special one“ frei nach der Devise, dass im Profi-Fußball vor allem offen gelebte Rivalitäten für Schlagzeilen sorgen können. Über den Bruch dieses Männerbündnisses weiß allerdings nur Villas-Boas Erhellendes zu berichten – offenbar wurde Mourinho insbesondere deshalb um seinen zuvor treu ergebenen Wasserträger gebracht, weil es den nunmehrigen Trainer der Spurs selbst mit aller Macht ins Rampenlicht zog: „Ich wollte stärker in die Trainerarbeit involviert sein, aber er wollte das nicht“.

In der Folge ging Villas-Boas seiner Wege, unmittelbar bevor Mourinho mit den Nerazzurri den europäischen Thron erklomm – doch auch in späteren Jahren hatte der mittlerweile 45-Jährige bezüglich der Champions League kein rechtes Glück gehabt. So wurde er bei seinem eigenen kurzen Abstecher zum FC Chelsea entlassen, bevor er für die Blues in die entscheidenden Spiele ging: Statt des Portugiesen konnte daher am Ende der Interimstrainer di Matteo den Bayern im „Finale dahoam“ in die Quere kommen. Seinen Titelinstinkt stellte Villas-Boas bislang somit lediglich beim FC Porto unter Beweis – mit der Europa League, der Meisterschaft und dem Pokal wurde von ihm vor zwei Jahren dafür aber alles abgeräumt, was es auf dem Markt zu haben gab.

Nur der Sieger bleibt oben dran

Schon allein aufgrund seiner zurückhaltenderen Persönlichkeit ist Villas-Boas trotzdem noch immer weit davon entfernt, den großen Schatten von Mourinho loszuwerden: Das Londoner Derby bietet nun folglich eine selten günstige Gelegenheit, den Emanzipationsprozess entscheidend voranzutreiben. Ein Erfolg über den FC Chelsea hätte immerhin zur Folge, dass sich die Spurs erst einmal an der Tabellenspitze etablieren: Bedenkt man, dass die Mannschaft zum Ende der Transferperiode mit Gareth Bale sein absolutes Herzstück verlor, wäre dies deutlich mehr, als zu Saisonbeginn zu erwarten gewesen war. Bislang wird die gute Bilanz von vier Siegen in fünf Partien jedoch noch durch dem Umstand getrübt, dass es Tottenham nahezu ausschließlich mit Kanonenfutter zu tun bekam – bei dem einzigen hochkarätigen Vergleich mit dem FC Arsenal hatten die Spurs dagegen kaum etwas zu bestellen gehabt.

Eine – nach der Statistik fast schon vorhersehbare – Niederlage gegen die Blues dürfte den Hausherren somit wohl zwangsläufig den Weg zu einer weiteren mäßigen Spielzeit weisen: Dennoch müsste der FC Chelsea zweifelsohne sehr viel härter von einer Pleite im Derby getroffen werden. Allein die Rückkehr vom Mourinho war von den Anhängern des Klubs schließlich als ein Titel-Versprechen verstanden worden: Dass es nun gleich zu Beginn unnötige bis peinliche Rückschläge in Everton und gegen den FC Basel setzte, droht der so wichtigen Aufbruchsstimmung ein jähes Ende zu bereiten. Nach dem Stotter-Start halten es aber zumindest die Wettanbieter für sehr wohl möglich, dass den Blues ein ernüchterndes Wochenende blüht: Angesichts der ausgeglichenen Quoten kann ein weiterer enttäuschender Auftritt der Gäste schließlich keineswegs ausgeschlossen werden.