FC Barcelona – Espanyol: Der Goliath empfängt einen Wellensittich

Dezember 4, 2014 0 Von admin

Während das madrilenische Derby zwischen Real und Altetico nach jahrzehntelanger Dominanz des weißen Balletts dank des Aufschwungs der Rojiblancos mittlerweile wieder regelmäßig Dramatik verspricht, stellt sich die am häufigsten aufgeführte Stadtmeisterschaft des spanischen Fußballs noch immer allzu oft als eine vorhersehbare Angelegenheit heraus: Am späten Samstagnachmittag wird Espanyol nun bereits zum 161. Mal versuchen, die festgezurrten katalanischen Verhältnisse im „Derbi Barceloni“ durcheinanderzubringen.

Das einseitigste Derby Spaniens?

Würde die Blaugrana eine überraschende Pleite gegen den Lokalrivalen im Kampf um die Meisterschaft richtig schmerzen, käme ein solcher Prestigeerfolg aus Sicht der Gäste in der ewigen Derby-Bilanz kaum über die Rolle des berühmten heißen Tropfens auf dem Stein hinaus: Da der FC Barcelona in den bisherigen Duellen 91 Siege bei nur 35 Niederlagen verbuchte, dürfte der Mannschaft von Luis Enrique der Titel des lokalen Derby-Königs in diesem Jahrhundert wohl nicht mehr abzujagen sein. Allerdings müssen natürlich noch nicht einmal die direkten Aufeinandertreffen herangezogen werden, um sich über die zu erwartende Rollenverteilung im Camp Nou zu informieren – mit notorischen Platzproblemen in der Vereinsvitrine haben bekanntermaßen nur die Hausherren zu kämpfen.

Während Barca mit 22 Meistertiteln – zumindest historisch gesehen – die klare Nummer zwei des spanischen Fußballs ist, gehört Espanyol zu den ganz wenigen Gründungsmitgliedern der Primera Division, die seit der erstmals im Jahre 1929 ausgetragenen Meisterschaft am Ende nie an der Spitze der Tabelle standen. Selbst die mittlerweile angehäuften vier Siege im Copa del Rey nötigen dem Rekord-Pokalsieger aus der Nachbarschaft fraglos nur ein müdes Lächeln ab. Nicht minder ungleich sind auch die internationalen Meriten in der katalanischen Hauptstadt verteilt: Konnte sich der Platzhirsch im Laufe der Jahrzehnte insgesamt zwölf Titel in den diversen europäischen Wettbewerben sichern, kam der kleine Nachbar nicht über zwei Endspiel-Niederlagen im UEFA-Cup hinaus.

Zuletzt wurde Barca im Jahr 2009 überrascht

Angesichts der klar abgesteckten Kräfteverhältnisse ist es dann schon durchaus symptomatisch, dass man sich bei Espanyol ausgerechnet für einen gleichermaßen possierlichen wie harmlosen Wellensittich als Vereinsmaskottchen entschied: Geht es hinsichtlich der gewählten Glücksbringer bei den meisten konkurrierenden Vereinen deutlich martialischer zu, scheint die Mannschaft von Sergio González tatsächlich nur dazu in der Lage zu sein, ab und an und nahezu unmerklich auf den übermächtigen Rivalen einzuhacken. Letztmals ist dies Espanyol vor über 5 Jahren mit einem Sieg im Camp Nou geglückt – in den seither absolvierten zehn Duellen hat sich der ewige Außenseiter dagegen mit überschaubaren zwei Punkten und ebenso „vielen“ Treffern begnügt.

Eine Fortsetzung dieser Negativserie dürfte nun auch am Samstag der absolute Normalfall sein, immerhin ist Espanyol nach nur einem Sieg aus den letzten sechs Ligaspielen gerade einmal wieder vollauf damit beschäftigt, sich einen drohenden Abstiegskampf vom Leib zu halten, während die Blaugrana im anstehenden Heimspiel mit sechs Pflichtspiel-Dreiern in Folge wuchern kann. Zuletzt konnten Messi & Co. mit Erfolgen gegen die stark gestarteten Klubs aus Sevilla und Valencia die eigenen Meisterschaftsambitionen untermauern; nachdem die Mannschaft noch im Vorjahr unter dem nunmehrigen argentinischen Nationalcoach Gerardo Martino komplett leer ausgegangen war, drängt das Team nun offensichtlich mit aller Macht in die Erfolgsspur zurück.

Schrumpft die Blaugrana zur lokalen Größe?

Da sich der FC Barcelona kurz vor dem Jahresende allerdings nicht nur in der Primera Division, sondern darüber hinaus auch in der Champions-League-Vorrunde erneut nur in der Rolle des ersten Verfolgers befindet, muss man wohl dennoch vermuten, dass auch der im Sommer vollzogene Trainerwechsel vorerst nur wenig an der erfolgten Wachablösung der Blaugrana geändert hat. Wurde noch vor einigen Jahren in zehn von zehn Fällen stets das katalanische Wunderteam genannt, wenn man sich für die stärkste Fußball-Mannschaft der Welt interessierte, scheint derzeit keineswegs nur der ewige Rivale aus Madrid ein kleines bisschen vorausgeeilt zu sein. Insbesondere in der Offensive hatten die Königlichen im ersten Saison-Drittel deutlich mehr anzubieten gehabt – und es bleibt offen, ob allein der seit kurzem endlich spielberechtigte Luiz Suarez den zu konstatierenden Rückstand mittelfristig wettmachen kann.

Angesichts der vorhandenen Fragezeichen muss es für Barca eine umso größere Bedeutung haben, nun wenigstens nicht auch noch im städtischen Derby zurechtgestutzt zu werden: Dass man das prestigeträchtige Duell bei den Gastgebern dieses Mal deshalb vielleicht ein kleines bisschen ernster nimmt, wird von Espanyol vermutlich mit einigem Schrecken zur Kenntnis genommen – schon allein die denkbar eindeutigen Quoten der Wettanbieter dürften gut und gerne dazu geeignet sein, den Herausforderer bereits vor dem schweren Gang ins Camp Nou gründlich zu demoralisieren.